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Lehrstuhl für Kulturtheorie und -analyse | Profil

Die Kultur ist das Gedächtnis der Gesellschaft. Sie erinnert und vergisst, pflegt und ritualisiert, vergleicht und bewertet, reflektiert und kritisiert, worauf die Gesellschaft zurückkommt, um sich ihrer Wirklichkeit und ihrer Möglichkeit zu vergewissern. Sie tut all dies im Medium der Werte, die hinreichend unverbindlich formuliert sein müssen, um sowohl zur Geltung gebracht als auch gegeneinander abgewogen werden zu können.

Formuliert wurde der Begriff der Kultur erst in der modernen Gesellschaft, nachdem die massenhafte Verbreitung von Schriften durch den Buchdruck darüber aufgeklärt hat, dass die Menschen zu unterschiedlichen Zeiten in unterschiedlichen Regionen anders leben, ohne deshalb aufzuhören, als Menschen bezeichnet werden zu können. Seither ist die Kultur die Kontingenzformel der Gesellschaft, mit deren Hilfe man sich darüber beruhigt und aufregt, dass alles so ist, wie es ist, obwohl es doch auch ganz anders sein könnte.

In der Ethnologie wurde die Kultur als eine Funktion bestimmt, die im Medium der Symbole die Natur des Menschen mit seiner physischen Umwelt und seinen gesellschaftlichen Institutionen derart abstimmt, dass Natur, Umwelt und Institutionen innerhalb hinreichend unbestimmt gehaltener Grenzen variiert werden können. Die Kulturwissenschaften nähern sich diesem Begriff aus der Perspektive der Erwachsenenbildung. Und die Soziologie erforscht die Art und Weise, wie die Gesellschaft mithilfe des Kulturbegriffs mit so viel Unverständlichkeit angereichert werden kann, dass sie den Herausforderungen des Umgangs mit elektronischen Schaltkreisen, globalen Netzwerken und ökologischen Rückkopplungen gewachsen ist.

"Kultur verhindert, anders gesagt, die Überlegung, was man anstelle des Gewohnten anders machen könnte" (Niklas Luhmann, Die Gesellschaft der Gesellschaft, 1997). Und genau das kann man wissen, um die eine oder andere Gewohnheit dann doch zur Diskussion zu stellen. Daher ist die kulturelle Kontroverse das Medium, in dem die Gesellschaft höchst zögerlich sich an sich selber anpasst. Die Kontroverse zielt auf Identität und Kontrolle, Tradition und Innovation, Konsens und Dissens, um Herz und Verstand der Menschen für die Unruhe der Gesellschaft zu gewinnen.






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geändert: 24.08.2009