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artsprogram | politics of research

eine Ausstellungsreihe im Flughafen Berlin Tempelhof
kuratiert von Karen van den Berg und Thomas Locher

In einem temporär eingerichteten Ausstellungs- und Projektraum der Zeppelin Universität direkt im Flughafenfoyer Berlin Tempelhof zeigt die Ausstellungsreihe „politics of research“ Arbeiten von Künstlern und Künstlergruppen, die sich mit zeitgenössischen politischen Handlungsformen und den Ausprägungen politischer Institutionen auseinandersetzen: Ein Film über den Staatsbesuch von George Bush in Deutschland mit seiner Landung in Berlin (Korpys/Löffler), Bildtafeln der Human Rights (Thomas Locher), Passantenbefragungen zum Thema Kapitalismus (Katya Sander) und eine Recherche zu Verstrickungen von Politik und Architektur (Ines Schaber); in vier aufeinander folgenden Ausstellungen werden Bilder und Filme zu sehen sein, die ganz spezifische politische Fragen entwerfen.
Tempelhof ist ein Ort mit offener Zukunft in einem merkwürdigen ungelösten Dazwischen – gerade deshalb erschien er als temporärer Hauptstadtstandort für die Zeppelin Universität geeignet, einer Hochschule zwischen Wirtschaft, Kultur und Politik, die wesentlich auf Interdisziplinarität setzt. Das „artsprogram“ der Universität will mit der Ausstellungsreihe an diesem politisch symbolgeladenen Ort dazu anregen, Blicke auf Zwischenräume zu richten und diese neu interpretieren und umdeuten.





Thomas Locher

„Kommentare“

29.06.2007 – 19.07.2007


Im Zentrum von Thomas Lochers Arbeit steht die Frage, wie sich die Sprache mit der Welt verbindet. Sprache ist für ihn eine Art Schaufenster menschlicher und politischer Beziehungen. Ausgehend von Überlegungen zur Grammatikalität der Sprache behandelt Locher Fragen der Legitimität sozialer Ordnungen und der Bestimmung der conditio humana wie auch Aspekte der Grund- und Menschenrechte oder der ökonomischen Tauschverhältnisse. Existentielle Fragen werden so auf streng formalistische Weise behandelt. Dabei sind Befragung und Kommentierung immer wiederkehrende künstlerische Methoden, mit denen konventionelle Kommunikationsformen auf ihre ideologischen und poetischen Inhalte hin analysiert werden. In der Ausstellung in Tempelhof zeigt Locher Tafeln mit Auszügen aus den Notstandsgesetzen, dem Asylrecht, den Menschenrechtskonventionen, dem so genannten „Soldatenurteil“ und Formulierungen zum gesetzlichen Verständnis von Körperschaften.

Thomas Locher wurde 1956 in Munderkingen (Oberschwaben) geboren, lebt in Berlin. Nach dem Studium an der „Staatlichen Akademie der Bildenden Künste“ in Stuttgart lebte er zunächst in Köln und stellte in bedeutenden Ausstellungsinstitutionen wie der Stichting de Appel in Amsterdam, der Kunsthalle Zürich, dem Kölnischen Kunstverein und dem Salzburger Kunstverein aus. Thomas Locher war 1990 auf der Biennale in Venedig vertreten und 1993 einer der Protagonisten der wegweisenden "Kontext Kunst"-Ausstellung, die Peter Weibel anlässlich des Steirischen Herbst kuratierte.
Der 2003 mit dem IBM Kunstpreis Neue Medien ausgezeichnete Künstler ist unter anderem in Sammlungen des MOMA (Museum of Modern Art, New York), dem zkm (Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe), dem MACBA (Museu d’Art Contemporani de Barcelona), dem MAK (Museum für Angewandte Kunst) Wien und der Staatsgalerie Stuttgart vertreten. Seit 2006 ist Thomas Locher Gastdozent an der Zeppelin Universität im Bereich künstlerische Praxis und gestalterische Entscheidungen.



Katya Sander

“Was ist Kapitalismus?“

27.07.2007 – 10.08.2007

In den stark konzeptionell geprägten Arbeiten von Katya Sander geht es oft um den Zugang zu einem Thema. Es ist vor allem das von ihr geschaffene Setting, auf das es ankommt und das uns als Betrachter in ein spezifisches Verhältnis zu einem Thema setzt. In der in Tempelhof gezeigten Installation „Was ist Kapitalismus?“ wird ein Film zwischen zwei Spiegelflächen projiziert. Der Film zeigt die Künstlerin in einer unwirtlichen Weidelandschaft mit einem Mikrophon. Sie entfernt sich von der Kamera und stellt vereinzelnd am Horizont vorbeikommenden Spaziergängern die Frage, was Kapitalismus sei. Die Antworten fallen denkbar verschieden und unerwartet aus. Die Einbettung des rückwärtig projizierten Filmes in die Spiegel setzt den Horizont der Landschaft ins Unendliche fort und nimmt in diese Illusion von Unendlichkeit auch den Besucher mit hinein

Katya Sander 1970 in Hillrød (Dänemark) geboren, lebt und arbeitet in Berlin und Kopenhagen. Sie studierte parallel Medienkunst an der Royal Academy for Fine Arts in Kopenhagen sowie Literatur und Cultural Studies an der dortigen Universität. Anschließend nahm sie am Whitney Independent Study Program in New York teil. Seit Ende der 1990er Jahre zeigt Katya Sander ihre gleichermaßen konzeptuell anspruchsvollen wie bestechend einfachen, meist installativen Arbeiten in einer Reihe von Einzelausstellungen; etwa in der Halle_für_Kunst Lüneburg, im Museum Moderner Kunst in Wien, im Kunstverein in München, im Esbjerg Kunstmuseum und im ISCP in New York. Darüber hinaus nahm sie an zahlreichen konzeptuell ausgerichteten Gruppenausstellungen wie etwa an der von Marius Babias kuratierten Ausstellung „Handlungsformate“ im Neuen Berliner Kunstverein teil und erweist sich mit einer Ausstellungsliste von Los Angeles, San Francisco, Stockholm, Amsterdam, Kopenhagen, Paris, bis Bukarest, Tallin, Japan oder dem Australian Centre for Contemporary Art als echte global Playerin.



Ines Schaber

„Diabolic Tenant”

24.08.2007 – 07.09.2007


Ines Schabers Arbeiten umkreisen Fragen der Sichtbarkeit. Dabei geht es oft gerade um die Rückseite dessen, was sichtbar (gemacht) wird; befragt wird in ihren Arbeiten insbesondere der Status der Dinge, die verborgen bleiben oder unsichtbar gemacht werden. Zentral ist für Schaber hierbei die Rolle der Fotografie. Sie provoziert in ihren vielschichtigen installativen Arrangements einen Blick, der immer auch danach fragt, was wir nicht sehen und inwieweit gerade das gleichermaßen künstlerisch wie massenmedial einsetzbare Instrument Fotografie Dinge und Inhalte definiert, fest schreibt oder sie verschwinden lässt. Für den Ausstellungsraum der Zeppelin Universität im Flughafen Tempelhof entwickelt sie Displays, welche die Frage nach dem Zusammenhang von politischer Macht und Design fokussieren. Ausgangspunkt hierbei ist eine Arbeit der Gestalterin Lilly Reich, die in den 1920er und 30er mit von Mies van der Rohe zusammenarbeitete.

Ines Schaber wurde 1969 in Reutlingen geboren, lebt und arbeitet in Berlin. Nach dem Studium der Bildenden Kunst in Berlin studierte sie Architketurtheorie in Princeton. Momentan schreibt die Künstlerin ihre Doktorarbeit am Goldsmith College in London. 2001 entwickelte sie in New York die bedeutende Arbeit "on movers and shapers", welche dort erstmals im storefront for art and architecture gezeigt wurde und anschließend Stationen wie die actar gallerie (Barcelona), die Plattform (Berlin), das Forum Stadtpark Graz, das x-lands (Leipzig) und den Kunstraum München durchlief. Im Kontext des “Kunst Werke“-Projekts "No matter how bright the light, the crossing occurs at night" entstand 2006 in Berlin und Pennsylvania "picture mining", ausgestellt in extra city (Antwerpen) und im Badischen Kunstverein. Ines Schaber ist Gastkritikerin bei verschiedenen Kunstmagazinen, gibt workshops und Seminare unter anderem an der Technischen Universität Berlin, der Universität Genf, der ETH Zürich, dem pratt institute New York, der Kunsthochschule Lyon und dem Goldsmith College London.



Korpys/Löffler


“The Nuclear Football“

28.09.2007 – 12.10.2007


Das Künstlerduo Korpys/Löffler untersucht Orte der Macht. Sie tun dies vor allem, indem sie Überwachungsszenarien beobachten. Politische Schauplätze der Gegenwart und der jüngeren Geschichte wie etwa der Sitz der UNO, das NATO-Hauptquartier, das Pentagon oder das World Trade Center (1999, 1997) wurden von ihnen gefilmt, fotografiert und gezeichnet. Dabei recherchieren sie immer auch mit kriminologischen Methoden, wobei die Rhetorik dokumentarischer Faktizität und künstlerisch-ästhetische Mittel eine ganz eigene Verbindung eingehen. In der Ausstellungsreihe „Politics of Research“ in Tempelhof zeigen sie eine Installation mit dem Film „The Nuclear Football“. Der Film schildert die Ereignisse auf dem Flughafen Berlin-Tegel und im Schloss Bellevue, während des 19-stündigen Besuchs des amerikanischen Präsidenten George Walker Bush. Im Zentrum steht dabei die aufwendige Inszenierung des Staatsempfangs und ein kleiner schwarzer Koffer, der so genannte „Nuclear Football“.

Andree Korpys und Markus Löffler sind 1966 bzw. 1963 in Bremen geboren, leben und arbeiten in Bremen und Berlin. Das Künstlerduo stellt seit 1989 gemeinsam aus. Nach dem Fotografie- und Film-Studium in Bielefeld sowie einem Postgraduiertenstudium an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe machten sie vor allem durch recherchebasierte Installationen, Bilder und Filme auf sich aufmerksam. Ihre Projekte zeigten sie in zahlreichen Einzelausstellungen etwa im Kunstverein Graz, der Kunsthalle Nürnberg, im Wilhelm Lehmbruck Museum Duisburg, im Sprengel Museum Hannover, in der Wiener Secession sowie in internationalen Gruppenausstellungen, etwa der „Berlin Bienale 2“, „ATTACK“ in der Kunsthalle Wien oder „Art&Economy“ in den Deichtorhallen Hamburg. Auch waren sie mit einer großen Installation an der umstrittenen „RAF Ausstellung“ beteiligt, die in den „Kunst-Werken“ Berlin zu sehen war. Jüngst nahmen sie an der „Reality Bites“ Show im Mildred Lane Kemper Art Museum in St. Louis teil. Eine umfangreiche Dokumentation der Arbeiten von Korpys/Löffler findet sich in dem von Christoph Keller herausgegebenen Buch „Korpys/Löffler. Organisation“ im Revolver Verlag.


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geändert: 09.08.2007