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"Recht auf geistige Verwahrlosung" |  03.06.2004

Spiegel Online

URL: http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,302477,00.html

Während überall private Hochschulen ums Überleben bangen, setzt die neue Zeppelin-Universität am Bodensee zu Höhenflügen an. Stephan Jansen, 32, ist der jüngste Unipräsident der Republik. Mit unüblichen Lehrmethoden will der Überflieger mit DJ-Vergangenheit neue "Pioniere" formen. Streber und Karrieristen sollen draußen bleiben.

 

Friedrichshafen - Graf Ferdinand von Zeppelin wurde einst für größenwahnsinnig gehalten – als Pionier der Luftschifffahrt ging er schließlich in die Geschichte ein. Wo der Zeppelin seine Wiege hat, lebt der Pioniergeist jetzt wieder auf. Die neu gegründete Zeppelin Universität (ZU) in Friedrichshafen am Bodensee hat sich zum Ziel gesetzt, neue Pioniere heranzubilden, die in Wirtschaft, Kultur und Politik "das Unwahrscheinliche wahrscheinlich machen".

 

Stephan Jansen ist der Pionier der ersten Stunde, der die Privateinrichtung auf Vordermann bringen soll. Mit 32 Jahren ist er der jüngste Hochschulpräsident der Republik. Doch das hört er nicht so gerne.

 

Der promovierte Ökonom Jansen wird immer wieder als "Ausnahmemensch" umschrieben. Mit 26 Jahren hatte er nach acht Semestern sein Studium der Wirtschaftswissenschaften an der privaten Universität Witten/Herdecke absolviert - mit der Note 1,0. Einige Monate verbrachte der Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes in Japan und in New York und wurde nach dem Studium Assistent in Witten. Seine Spezialgebiet: "Mergers & Akquisitions", Firmenübernahmen und -fusionen. Sieben Bücher über Betriebswirtschaft schrieb Jansen. Und ist nun der jüngste Hochschulpräsident, den es in Deutschland je gab.

 

"Der Professor als Guru hat ausgedient"

 

Sein Lebenslauf liest sich wie der eines Vorstandsvorsitzenden, seine Bücher sind Bestseller auf ihrem jeweiligen Fachgebiet, sein Wissen um Fusionen wird von Großkonzernen abgefragt. Und seine Vergangenheit als umtriebiger DJ - vorzugsweise elektronische Musik - setzt dem Ganzen noch eins drauf. Aber Jansen will nicht sich selbst verkaufen, wenn er von Termin zu Termin rast, in Talkshows auftritt und bei Formel 1-Rennen mit Wirtschaftsgrößen plaudert. Ihm geht es um sein Projekt: den Aufbau einer Universität für künftige "Top-Entscheider", wie er seine Schützlinge nennt. Den Begriff Elite mag Jansen nämlich auch nicht.

 

Während andere private Hochschulen derzeit schwächeln, sich finanziell nur mühsam über Wasser halten oder gar - wie das SIMT in Stuttgart - von der Schließung bedroht sind, wagt die seit knapp einem Jahr staatlich anerkannte Zeppelin-Universität den Aufbruch. Noch steht sie ganz am Anfang, aber mit seinem ehemaligen Wittener Mentor Birger Priddat hat Jansen bereits einen weithin geachteten Ökonomen an den Bodensee gelotst. Initiiert wurde die Hochschule Anfang 2003 von den Unternehmen Zeppelin, ZF Friedrichshafen, der Weishaupt GmbH sowie der Stadt Friedrichshafen. Die Finanzierung ist für acht Jahre verbürgt, ohne Staatsgelder. 105 Studenten sind inzwischen eingeschrieben, 800 sollen es einmal sein.

 

Angeboten werden die Studiengänge Internationale Betriebswirtschaftslehre, Kultur- und Kommunikationswissenschaften sowie "Public Management & Governance", wobei die Studenten über ihren Tellerrand hinausschauen müssen. Das Studium ist "multidisziplinär" ausgerichtet. Nicht umsonst nennt sich die ZU auch "Hochschule zwischen Wirtschaft, Kultur und Politik".

 

Jansen will seine Studenten irgendwann in Positionen sehen, in denen Entscheidungen eine "soziale Reichweite" haben. Sie sollen Probleme aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten können, mit dem Gedanken "Es kann auch alles ganz anders sein" im Hinterkopf. Das Lehrkonzept ist entsprechend ungewöhnlich und erwartet von den Studierenden, "forschend" zu lernen. Vorlesungen gibt es so gut wie keine, der Stoff muss in Eigenregie und anhand von Originalliteratur durchgearbeitet werden, bevor er in gemeinsamen Veranstaltungen diskutiert wird. Zusammenfassende Lehrbücher sind eher verpönt. Und der Professor als Guru hat ausgedient, er übernimmt die Moderatorenrolle.

 

Bitte keine Streber ohne Persönlichkeit

 

Eine private Universität mit geisteswissenschaftlichem Anspruch? Jansen räumt ein, dass das "romantisch" ist. Aber er ist davon überzeugt, dass der Manager der Zukunft auch ein Querdenker sein muss. Deshalb gesteht er den Studenten auch ein "Recht auf geistige Verwahrlosung" zu: Sie sollen auch mal was lesen dürfen, was ihnen eigentlich nichts bringt. Streber ohne eigene Persönlichkeit, die sich am klassischen Karrierekonzept orientieren und in kurzer Zeit mit dem Verdauen vorgekauter Informationen zum Bachelor oder Master gekrönt werden wollen, fallen spätestens im Bewerbungsgespräch durch. Auch dann, wenn sie die 3700 Euro Studiengebühren pro Semester mitbringen.

 

Um zu verhindern, dass nur Kinder aus reichem Hause die ZU besuchen, hat sich Jansen inzwischen mit einer örtlichen Bank auf ein Vorfinanzierungskonzept verständigt: Studenten zahlen das Geld zurück, wenn sie im späteren Berufsleben Fuß gefasst haben. Jansen selbst hat längst Fuß gefasst. Er gehört zu den "101 Köpfen, auf die Sie achten sollten", die die "Financial Times Deutschland" in einer Serie zusammengefasst hat. Auf dem Teppich ist er dennoch geblieben. "Ich glaube, dass ich noch viele Fehler mache und noch sehr viel lernen muss", sagt Jansen über Jansen.

 

Manchmal kommt es dem 32-Jährigen fast schon unheimlich vor, wenn er nach einer durchgearbeiteten Nacht und wenigen Stunden Schlaf am Vormittag die Uni betritt – als Hochschulpräsident. Ausgleich ist ihm deshalb wichtig, auch wenn kaum Zeit dafür bleibt. Dann hört Jansen elektronische Musik, oder er geht ins Kunstmuseum, oder er liest, oder er schreibt. Am liebsten würde er alles auf einmal machen. Jetzt überlegt er erstmal, ob er nebenher in einem Ravensburger Club wieder als DJ aktiv wird.

 

Von Tanja Wolter, ddp



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geändert: 16.01.2007