Staatsanzeiger für Baden Württemberg
An der Zeppelin Universität Friedrichshafen soll eine neue Generation von Managern ausgebildet werden
Deutschland, das Land der Dichter und Denker, der Ingenieure und Tüftler, „ist dabei, seinen Ruf zu verspielen”. Unser Staat kann im globalen Wettbewerb kaum noch Schritt halten, rutscht in vielerlei Hinsicht in ein bedenkliches Mittelmaß ab. Das sagt der Chef eines Konzerns, der unter den „global playern” kräftig und erfolgreich mitmischt, aber mit Sorge einen „schleichenden Verfall unserer einst so leistungsfähigen Volkswirtschaft” ausmacht. Ernst Susanek, Geschäftsführer des Baumaschinenherstellers Zeppelin GmbH, hat eine Antwort parat. „Wir brauchen junge Menschen, die eine rundum positive Einstellung zur Freiheit, zur Selbstverantwortung, zum Wettbewerb und zur Leistung haben, um wieder Weltspitze zu werden. Und die in sich einen Pioniergeist tragen.” Offenbar mochte Ernst Susanek, im Geiste eins mit anderen Firmenchefs im „Ländle”, nichts dem Zufall überlassen. „Forschung und Lehre kann nicht allein Sache des Staates sein”, sagt er nicht nur wie mancher Sonntagsredner oder Talkgast in telegenem Format. Die Zeppelin GmbH hat sich dafür entschieden, viel Geld zu investieren, um Mehrheitsgesellschafter einer neuen, privaten Hochschule zu werden, die genau solche Pioniere heranbildet.
Als Susanek am 18. Februar 2003 dem Muster-Absolventen und damaligen Assistenten an der ebenfalls privaten Hochschule Witten/Herdecke, Stephan A. Jansen, am Telefon anbot, die Präsidentschaft für die noch nicht einmal aus der Taufe gehobene Zeppelin Universität (ZU) zu übernehmen, lehnte jener ab. „Ich kannte noch nicht mal die Zeppelin GmbH, gerade mal das Ding in der Luft.” Und er wusste um die Finanzprobleme, die nahezu alle privaten Uni‘s haben. „Ich glaubte nicht daran, in Deutschland noch eine private Hochschule aufbauen zu können, während andere vom Niedergang bedroht sind.” Susanek bat ihn trotzdem, nach Friedrichshafen zu kommen, um ihm sein Finanzkonzept zu präsentieren. „Und dann hatten wir binnen weniger Wochen alles unter Dach und Fach”, erinnert sich der Uni-Präsident, der fast aus dem Stehgreif „einen richtig langen Vertrag” unterschrieben hat.
Jansen ist überzeugt: „Das ist das sicherste Finanzkonzept für eine private Hochschule in Deutschland und Baden-Württemberg genau der richtige Standort.” Auch wenn das Wissenschaftsministerium keinen Cent zuschießt, könnte er seine Verhandlungspartner dort noch nachträglich knutschen für deren Engagement, einer neuen privaten Hochschule den Weg zu ebnen, die staatlich anerkannt ist. Das Budget der Zeppelin Universität wird aus drei Quellen gespeist. Ein Drittel zahlt die Trägergesellschaft privater Unternehmen vorn dran die Zeppelin GmbH. Knapp ein Drittel soll über Studiengebühren, weitere Gelder sollen aus Erträgen aus Forschungsprojekten für die freie Wirtschaft finanziert werden. Einmalig in der deutschen Hochschullandschaft ist die Tatsache, dass die Trägergesellschaft gegenüber dem Ministerium eine Ausfallbürgschaft erklärt hat und eventuelle Verluste übernimmt. Damit ist die jüngste Privat-Hochschule Deutschlands finanziell bereits heute für die nächsten acht Jahre in trockenen Tüchern.
Stephan A. Jansen hatte bis zu seinem Amtsantritt im August 2003 genau ein halbes Jahr Zeit, um ein inhaltliches Konzept für die Zeppelin Universität zu stricken. „Ich wollte all das hier institutionalisieren, was ich in meinem Lebenslauf gut fand.” Herausgekommen ist „ein Masterplan mit 287 Teilprojekten bis 2008”. Bis Mai dieses Jahres war es merklich ruhig, was Jansen als „Zeit der Aufbauarbeit und Hausaufgaben” charakterisierte, die er ganz in Ruhe gestalten wollte. In Wirklichkeit war er Mädchen für alles und „froh, dass ich abends nicht noch den Boden wischen musste”.
Auch wenn es nach wie vor rasant zugeht auf dem Campus direkt am Bodenseeufer: Die Strukturen stehen, das Ziel ist avisiert. Die Zeppelin Universität will „Top-Entscheider” ausbilden, Manager einer neuen Generation, die „das Unwahrscheinliche wahrscheinlich machen” ganz im Sinne des Luftfahrtpioniers und Namenspatrons der Uni, Graf Ferdinand von Zeppelin. Gleichzeitig schreibt Jansen die Forschung groß. Er hat fachübergreifende Kolloquien eingerichtet, die sich gesellschaftlich relevanten Fragen widmen und Thesen erarbeiten sollen. Thema in diesem Jahr ist der demographische Wandel. Wie stellt sich der Tourismus auf über 80-Jährige ein? Wie könnte ein Medienkonzept für ältere Menschen aussehen? Selbst eine Fehlerberechnung der Riester-Rente hält Jansen für spannend genug. „Im nächsten Jahr wird ein Buch stehen mit Standpunkten und wissenschaftlichen Forschungsergebnissen der ZU zu diesem Thema”, kündigt Jansen an, der jedes Jahr mindestens eine Publikation vorlegen will. Wohl wissend, dass auch dies ein Experiment ist.
„Wir sind die derzeit einzige staatlich anerkannte Universität in rein privater Trägerschaft mit mehreren geisteswissenschaftlichen Departments”, unterstreicht Jansen. Er verpönt Berührungsängste zwischen den Fakultäten, will vielmehr Zwischenräume nutzen. „Mit betriebswirtschaftlichem Know-how allein kann man kein Unternehmen mehr führen. Davon bin ich felsenfest überzeugt”, sagt Jansen, der Ökonomen eben auch geisteswissenschaftliche Kompetenz und politischen Sachverstand abverlangt. Es gebe keine Grenzen mehr, auch in der Wissenschaft nicht, meint Jansen, der weiß, mit dieser These nicht überall auf Gegenliebe zu stoßen. „Es ist an der Zeit, dass sich Wissenschaftler die Haare raufen. Der Bedarf an komplexen Beschreibungen der Praxis ist da, auch wenn sie sich dagegen wehren.” Jansen vertritt sein Kontrastprogramm zur ideologisierten Monofakultät mit Verve: „Die ZU ist eben genauso undiszipliniert wie die Gesellschaft.”
Darum geht der Uni-Präsident weg vom standardisierten Lehrbetrieb, der den Studenten etwas vorsetzt, was sie wiederzukäuen haben. Die Professoren seien nicht dafür da, Wissen zu vermitteln, sondern den Studierenden zu helfen, „denken zu lernen”. Deshalb suche man ganz besondere Leute aus, die „entschult” sind, Projektideen schon im Kopf haben, ihre Kreativität aber noch nicht kanalisieren können. Menschen eben, „aus denen man herauskitzelt, was in ihnen steckt”.
Zu den unorthodoxen Methoden der ZU gehört es deshalb unter anderem, dass sich die Studierenden ihr Lehrprogramm ein Stück weit selbst organisieren und auch über Inhalte bestimmen. Das „Study on Demand”-Konzept geht über Projektgruppen-Arbeit hinaus. „Wenn sich zehn Studierende einig sind, ein Thema gemeinsam anzugehen, laden sie den dafür geeigneten Dozenten ein und ich zahle das”, erklärt Jansen. Der Uni-Präsident legt auch großen Wert auf das so genannte Tandem-Coaching. Jeder Studierende sucht sich einen wissenschaftlichen und einen praktischen Mentor, der so lernen soll, sich professionelle Hilfe zu holen und die richtigen Fragen zu stellen. Fasziniert hat Jansen die Vorgehensweise einer Studentin, die unbedingt einen beliebten Radio-Moderator als Mentor haben wollte und ihn live auf dem Sender fragte, ob er bereit dazu wäre mit Erfolg. Jansens Praxis-Coach in seiner Uni-Zeit in Witten/Herdecke war August Oetker, für den er nicht nur eine Pudding-Marktstrategie entwickelt habe. Geblieben ist „eine Partnerschaft bis heute”. Jetzt ist er selbst Coach, gleich für 12 Studierende, „und nicht wie an staatlichen Unis, wo der Professor Zeit für alle zwischen elf und halb 12 hat”.
Apropos Professoren: Zehn hat er binnen sechs Monaten eingestellt, 22 sollen es einmal sein. Mit Niko Stehr beispielsweise gewann er einen Soziologen und Kulturwissenschaftler, der als Erfinder des Begriffs Wissensgesellschaft gilt und zuletzt an der Universität in Alberta (Kanada) lehrte. „Ich hab‘ genau ihn gewollt und er uns”, sagt Jansen, für den es kein Widerspruch ist, einen 63-Jährigen an diese junge Universität am Bodensee zu holen, der an staatlichen Einrichtungen zwangsweise emeritiert würde. „Vernichtung von Kultur- und Humankapital” nennt das Jansen. „Dabei haben die „Alten” extrem gute Netzwerke.”
Der Pioniergeist der Zeppelin Universität jedenfalls ist offenbar ansteckend. Bei erstmaligen Auftritten der ZU bei Studenten-Messen in Köln und Hamburg hätte das Team es gar nicht geschafft, alle Interessenten zu bedienen. Über 800 Gespräche haben bewiesen, dass das Konzept ankommt, sagt Jansen. „Es funktioniert genau so, wie ich es gewollt habe.” Exakt 512 junge Leute haben sich für einen ZU-Studienplatz für das Sommersemester 2004 interessiert. Nur 24 hat die Kommission nach dem Hürdenlauf im Auswahlverfahren letztlich genommen, obwohl derzeit 30 Plätze pro Semester vergeben werden können. „Man kommt ohne Numerus Clausus rein, nicht Noten, sondern Intelligenz und Kreativitat zählen”, verdeutlicht Jansen. Der Geldbeutel oder das Prestige der Eltern spiele keine Rolle.
Er ist von seinem Konzept für die ZU mehr als überzeugt. „Ich glaube, dass wir eine richtig gute Universität werden, so gut, dass ich selbst noch mal hier studieren würde.”
Von Katy Cuko, Friedrichshafen
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