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Neue Ufer |  22.07.2004

Wirtschaftswoche

Stephan Jansen steht am Wasser, kneift die Augen hinter den schwarz gerahmten Brillengläsern zusammen und mustert die graue Spiegelfläche des Bodensees, als halte er Ausschau nach einem Schiff. Er hat wenig geschlafen, sich nicht rasiert und jetzt ist er nach draußen gegangen, um ein paar Züge frische Luft in seine Lungen zu pumpen. Kleine Wellen schwappen gegen das Ufer. „Für einen Wissenschaftler, der viel nachdenken muss, ist die Nähe zum Wasser ein immenser Standortvorteil“, sagt er.

Jansen kann Weitblick brauchen. Mit noch nicht ganz 33 Jahren ist er der mit Abstand jüngste Hochschulchef im Land. Er leitet die Zeppelin-Universität, Deutschlands neueste Privathochschule. Mit ihr hat er viel vor: „Wir wollen Pioniere ausbilden.“ Dafür will er nicht alles besser, aber vieles anders machen als andere Unis.

Seit dem vergangenen Jahr ist die „Uni zwischen Wirtschaft, Politik und Kultur“, so der Werbeprospekt, staatlich anerkannt. Sie bietet drei Studiengänge: Corporate, Cultural und Public Management. 105 Studenten sind bisher eingeschrieben, die meisten stammen noch von der Vorgängerinstitution, der wenig renommierten International School of Management.

Billig ist die Ausbildung nicht. 3700 Euro überweisen die Studenten in jedem Semester aufs Hochschulkonto, für Studenten mit knapper Kasse bietet die örtliche Sparkasse Darlehen.

Dafür verspricht ihnen Jansen eine Ausbildung, wie sie bisher angeblich gefehlt hat. „Die herkömmliche Managerschulung ist zu eng“, meint er. bloße Business-Basics vermitteln, das reicht ihm nicht, er will helfen „Persönlichkeiten zu entwickeln“. Während viele Privathochschulen nur Fallstudien pauken, soll die Zeppelin-Uni theoretische Tiefe vermitteln, den Blick interdisziplinär weiten, „das Hand- und das Denkwerkzeug schulen“, sagt Jansen. Die Absolventen sollen sich ein Beispiel am Namenspatron Graf Zeppelin nehmen und daran arbeiten, „als Innovateure in Zwischenräumen das Unwahrscheinliche wahrscheinlich zu machen“, so Jansen. Übersetzt heißt das: Sie werden überall dort aktiv, wo nicht nur reines Expertenwissen, sondern der große Blick fürs Ganze gefragt ist. Für derart Qualifizierte existiere eine „rasant steigende Nachfrage“, sagt Jansen. Wo es diese ganz konkret gibt, kann er jedoch nur unbestimmt sagen.
Zwischenräume, die Schnittstellen zwischen Organisationen, sind Jansens Spezialität. Auf ihnen gründet seine wissenschaftliche Karriere. 1998, mit 26 Jahren und direkt nach dem 1,0-BWL-Diplom als Jahrgangsbester, gründete er an seiner HeimathochschuleWitten/Herdecke ein Institut für Merger & Acquisitions. „Mich hat interessiert, was geschieht, wenn zwei Systeme mit völlig unterschiedlichen Kulturen zusammenstoßen“, sagt Jansen. Das Thema hat ihn nicht mehr losgelassen. In Stanford und Harvard hat er dazu geforscht, Daimler und andere bei Übernahmen wissenschaftlich beraten, sechs Bücher über Fusionen verfasst. Zwei weitere sind in der Mache.

Das Interesse für Organisationen will Jansen auch bei seinen Studenten wecken. 15 sitzen in seiner Veranstaltung, Klassenzimmeridylle. Jansen bespricht einen Text, den er in der vergangenen Stunde ausgeteilt hat. Es geht um Netzwerke, um„strong ties“ und „weak ties“, die „Ökonomisierung von Beziehungen“ und darum, was das alles mit Unternehmen zu tun haben könnte. Jansen macht ein paar Scherze, einige Studenten stellen Fragen, wenige schreiben mit. Am Ende ziehen sie eine Bilanz des nun abgeschlossenen Semesters. „Interessant“ sei es gewesen, „anregend“,„mein Denken hat sich verändert“, sagt eine Studentin. Aber auch von einer „Überflutung mit Texten“ ist die Rede und davon, dass es doch ärgerlich sei, wenn die Veranstaltung jedes Mal so viel länger dauere, als eigentlich vorgesehen.

Jansen will viel, interessiert sich für alles, fordert sich und andere. „Ich will mich engagieren“, sagt er selbst. Das tat er schon in der Schule. Der Sohn eines Berliner Gartenbauingenieurs ist Legastheniker, in den ersten Jahren muss er kämpfen. Ab der neunten Klasse fliegt ihm nicht nur fachlich alles zu, er wird Klassensprecher, Schulsprecher, demonstriert gegen Tierversuche und den ersten Golfkrieg. Er ist ein Musterschüler, aber einer, der auf Partys eingeladen wird. Noch während der Schulzeit fängt er an, als DJ in einem angesagten Club Musik aufzulegen. Das tut er auch noch, als er bei der Stadtsparkasse Kassel eine Ausbildung zum Bankkaufmann macht.

Vor allem Engagement erwartet Jansen auch von seinen Studenten. Die Abinote spielt keine Rolle, stattdessen verfassen Bewerber einen Essay zu einem Thema, das sie persönlich betrifft. Wer überzeugt, wird zum Gespräch geladen. Um eine Klientel anzusprechen, die Jansen für die richtige hält, lässt er silberne Visitenkarten mit dem Aufdruck „neu.gierig toll.kühn“ und der Internetadresse der Uni in Szeneclubs verteilen. Geeignete Kandidaten sind offenbar rar. Von mehr als 500 Bewerbern kamen in der jüngsten Runde nur 24 durch.

Christian Pongratz und Verena Sitzmann sind zwei, die es geschafft haben. Angesichts Jansens hochfliegender Pläne klingt das, was sie sagen, erstaunlich konventionell. Als Unternehmerkinder streben beide eine Karriere im Marketing an. Klar reizt es sie, bei etwas Neuem mitzuwirken, aber für die Uni haben sie sich entschieden, „weil sie international ist, das Studium nur drei Jahre dauert“, sagt Pongratz. Oder „weil es Kontakte zu Unternehmen gibt und die Betreuung durch die Dozenten sehr gut ist“, meint Sitzmann.

Das ist sie in der Tat. Nicht nur, weil selten mehr als 20 Studenten in einer Veranstaltung sitzen. Jeden Mittwoch wählen die Studenten selbst, was auf dem Programm steht. Wenn zehn einen Wunsch äußern, wird der erfüllt. So gibt es Veranstaltungen über Marketing und Osteuropa. Zudem hat jeder Student zwei persönliche Betreuer: einen aus der Praxis, den anderen aus der Uni. Mindestens einmal im Semester bespricht er mit ihnen seine Fortschritte in Karriere und Wissenschaft.

Für diese Rundumversorgung braucht es engagierte Lehrkräfte. Die meisten Professoren sind jung, haben hier ihre erste Stelle angetreten. Große Namen fehlen, bis auf den Volkswirtschaftler Birger Priddat, Jansens Doktorvater aus Witten. Am Lehrstuhl für Public Management will der nun Führungskräfte ausbilden, die „den überfälligen Umbruch in der Verwaltung gestalten“. Sie sollen mitarbeiten an der Deregulierung, der Förderalismusreform, der Fusion von Hochschulen und Gemeinden. Priddat selbst hat vor, eine „ökonomische Staatstheorie“ zu verfassen. Warum er das ausgerechnet hier tut? Es reizt ihn, mit 53 noch einmal etwas Neues aufzubauen. Vor allem zusammen mit Jansen. „Ein junger, energischer Wissenschaftler mit strategischem Weitblick“, sagt Priddat über seinen Chef, der einmal sein Schüler war.

Der hatte zunächst gezögert, den Job anzunehmen, „weil schon die bestehenden Privatunis Probleme haben“ und er sich „doch etwas zu jung fühlte“. Nun ist Jansen voll dabei, arbeitet meist bis in die Nacht, organisiert, verhandelt, wirbt, und wundert sich dann um drei Uhr nachmittags, dass kein Restaurant mehr Mittagstisch bietet.

Solche Berichte aus dem tätigen Leben kommen bei einem Mann wie Johannes Rohwedder gut an. Der Chef des gleichnamigen Maschinenbauers fördert die Uni mit Geld und Praktikumsstellen. Weil „ein Unternehmer sich engagieren sollte“ und weil es ihm schwer fällt, geeignete Absolventen an sich zu binden. Jansen setzt sich neben ihn, ordert eine Apfelschorle und Fische aus dem See und berichtet, was es Neues gibt. Bundespräsident Horst Köhler hat ihm einen netten Brief geschrieben, Wissenschaftsministerin Edelgard Bulmahn will demnächst vorbeischauen, ein paar neue Sponsoren stehen bereit. Und das Konzept der Global Studies, bei dem ein Student drei Praktika auf drei Kontinenten beim gleichen Unternehmen absolviert, entwickelt sich gut. Rohwedder sagt nicht viel, „gut“, seien die Studenten gewesen, die kürzlich für ihn eine Studie erstellt haben, „sehr aufgeweckt“. Beide tratschen noch etwas über die Prominenz am See, dann ist Rohwedder zufrieden. Jansen ist es auch.

Eine ganze Reihe von Förderern hat er schon zusammengetrommelt. Den größten Batzen steuert Namensgeber Zeppelin bei, dessen Chef Ernst Susanek „den Ausnahmemenschen“ Jansen für den Posten auserkoren hat. Auch ZF und die Stadt Friedrichshafen investieren in die junge Uni. Für die nächsten Jahre ist genug Geld da.

Leute für seine Sache gewinnen, das kann Jansen ohne Zweifel. Schon für sein Institut in Witten machten der damalige Goldman-Sachs-Banker Paul Achleitner und Daimler-Vorstand Eckhard Cordes ein paar Millionen locker. Man merkt, dass Jansen von dem überzeugt ist, was er tut. Er redet viel, wenn keiner ihn unterbricht locker eine halbe Stunde am Stück, aber er kann auch zuhören, muss nicht zwanghaft im Mittelpunkt stehen.

In seinem Audi A4 springt die Musikanlage sofort laut an. Drums rattern, ein Bass plockert, Synthesizer zirpen. Die Musik passt zu Jansen, sie ist um Modernität bemüht, nicht ganz einfach und ziemlich abstrakt. Als DJ legt er derzeit nur bei Unifeiern auf, „das kommt bei den Studenten super an“. Während der Fahrt zitiert er den DJ Westbam, der meinte, dass Pop anderen Musikgattungen voraus sei, weil Maxisingles früher eine B-Seite hatten. „Auf der konnten sich die Musiker frei austoben und ohne Erfolgsdruck Innovatives wagen“, sagt Jansen.

Die Zeppelin-Uni als B-Seite der deutschen Privathochschulen? Ein Landeplatz für jene, die nicht dem Gewöhnlichen entsprechen wollen, nicht nach sicheren Hits streben, sondern neue Ufer entdecken wollen? Manche Studenten mag das angesichts der schwierigen Lage auf dem Arbeitsmarkt für Akademiker abschrecken. Wer sich traut, geht zu Jansen nach Friedrichshafen.

CORNELIUS WELP



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geändert: 01.02.2005