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Auf der Suche nach neuen Eliten: Können Manager ausgebildet werden?  |  16.11.2004


Aus der FTD vom 16.11.2004

Neues Deutschland: Lernen für die Chefetage

Von Stephan A. Jansen

Auf der Suche nach neuen Eliten: Können Manager ausgebildet werden?

Walter Benjamin schrieb 1921 über den Kapitalismus als Religion. In den folgenden Jahren wurden Manager zu Priestern mit eigenem Hochamt. Sie erhielten Zugang zur gesellschaftlichen Elite, wo sonst nur Ärzte, Geistliche, Politiker und Unternehmer verkehrten. In den 90er Jahren wurden Manager zu Popstars der Kleinaktionärsgesellschaft. Danach sind sie durch den Dienstbotenausgang wieder aus der Elitenetage verschwunden. Nun ruft die über Demografie- und Innovationsprobleme informierte Gesellschaft wieder nach ihnen - nur irgendwie anders. Zeit also für eine Fallstudie des Managements und einen Blick in die Managementausbildung.

Es ist ein Verdienst des Unternehmenshistorikers Alfred D. Chandler Jr. sowie der Kapitalmarkttheoretiker Eugene F. Fama und Michael C. Jensen, die "Managementrevolution" des letzten Jahrhunderts verständlich gemacht zu haben. Chandler führte das Management als die "sichtbare Hand" der Koordination für die fortschreitende Arbeitsteilung ein. Damit wurde der "managerialism" als ein sich selbst genügendes, parasitäres Management des Managements diskutierbar.

Fama und Jensen wiederum wiesen auf die folgenreiche Trennung von Eigentum und Steuerung von Unternehmen hin. Die Agenten des Kapitals managen so nicht nur die Produktivität, sondern auch die Differenz zur Kapitalseite. Die Verwechslung von Management mit Unternehmertum begann.

Verwechslung von Management und Unternehmertum

Die öffentliche Wertschätzung von Managern sinkt nach Befragungen des Instituts für Demoskopie Allensbach kontinuierlich: Nur knapp zehn Prozent empfinden Achtung. Damit rangieren diese mit Politikern und Gewerkschaftern wieder am Ende der Beliebtheitsskala. Ganz oben: Ärzte und eben Priester wie Unternehmer!

Manager sind als Schauspieler, Scharlatane und Narzissten medial abgeschrieben worden. Das ist fast gemein: Nach einer Studie von 2002 über 1435 Firmen war es genau die Medienpräsenz der Vorstände, die positiv mit der Insolvenzgefahr des Unternehmens korrelierte. Wurde das Management in den 90er Jahren am Glamour- und Tycoon-Faktor gemessen, soll dieser nun verantwortlich für die vom Feuilleton ausgerufene "Eliten-Krise" sein.

Reflex der Regulierung

Die politische Praxis reagiert mit dem Reflex der Regulierung: Managerhaftung (unter anderem Sarbanes-Oxley-Gesetz oder das Vierte Finanzmarktförderungsgesetz). Die wissenschaftliche Praxis reagiert mit dem Reflex der komplexeren Theorien, wie den neurobiologischen Entscheidungstheorien oder "Schwarmtheorien".

Die Management-Praxis reagiert mit dem Reflex der controllinggläubigen, geklonten und mutlosen Langeweile des Managements - nun mit Directors & Officers-Versicherung. Wie könnte aber aus der Sicht der Managementausbildung reagiert werden? Kann man Manager überhaupt ausbilden? Welche Kompetenzen brauchen sie? Und was wollen die zukünftigen Manager, die heute Ausbildungen nachfragen?

Vermutlich lässt sich Management nicht direkt ausbilden. Erfolgreiche Unternehmer ohne akademische Grade weisen noch immer auf das schmerzvollste Paradox der BWL hin. Also müssen wir an Hochschulen über Managementkarrieren trotz und durch Universitäten nachdenken. Und das gerade in Zeiten, in denen wir eine Managementlücke für 2015 absehen und das Management in öffentliche Verwaltungen oder Kulturinstitutionen vordringt.

Zumindest drei Dimensionen müssen sich ändern

Erstens: Multidisziplinarität Manager müssen divergente Sprachspiele verstehen und moderieren können, das heißt, sie lernen zwischen den Disziplinen. In einer sich globalisierenden Wissensgesellschaft sind dies vor allem Kenntnisse der Kommunikations-, Medien- und Kulturtheorien, der Wirtschaftswissenschaft sowie Politik- und Staatswissenschaften. Manager müssen so "undiszipliniert" werden, wie die wirklich drängenden Probleme und auch Unternehmer es seit jeher sind.

Zweitens: Methoden der Didaktik Die Hörsäle müssen mehr zu Dialog- und Projekt-Arenen werden, die Vorlesungen zu einer projektorientierten Vermittlung von Hand- und Denkwerkzeug. Das bedeutet eine Individualisierung des Lernens: Studierende müssen voneinander lernen können, Professoren und Praktiker müssen zusätzlich zur Wissensvermittlung Coaching anbieten.

Und drittens: Mut und Demut Manager sind Agenten der Wahrscheinlichkeiten. Ihre Funktion: Unwahrscheinliches wahrscheinlich zu machen und zu realisieren. In der Ausbildung müssen Theorien und Tools um Projekte und Probleme organisiert werden und nicht umgekehrt. Das erzwingt eine für die erfolgsgewöhnte Betriebswirtschaftslehre noch unübliche Auseinandersetzung mit der üblicheren Praxis des Scheiterns.

Werden in Deutschland Elite-Universitäten diskutiert, wollen junge Menschen diese gar nicht: Einer eigenen Analyse von 273 bildungsinteressierten 16- bis 24-Jährigen auf "AbiEinstieg"-Messen zufolge wollen knapp 65 Prozent nicht an einer Elite-Universität studieren, sondern vor allem an einer kleinen Uni (70 Prozent). Und sie setzen mehrheitlich auf alte Tugenden: breite Bildung, Bescheidenheit, Leistungsbereitschaft und realistische Neugier. Ermutigend: Pioniere statt Priester und sonstige Eliten im nächsten Kapitalismus?

Stephan A. Jansen ist Gründungspräsident der Zeppelin Universität Bodensee.



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geändert: 20.02.2005